Mein akademischer Werdegang

 

Ein zerplatzter Traum

 

Während meines Abiturs stand für mich fest, dass ich Psycho-Therapeut werden wollte. Dies hatte damit zu tun, dass ich durch eigene Erfahrungen (Ich machte damals Therapie) feststellte, dass es irgendwie ein ultraspannendes Feld ist. Die menschliche Psyche ist so ein komplexes Phänomen und ist zu so vielem fähig. Leider reichte mein Durchschnitt nur zu einem 2.6, womit natürlich der Traum von der Psychologie in weite Ferne gerückt war. Ich probierte es trotzdem, Jahr um Jahr bewarb ich mich bei der ZVS, leider immer nur zum Wintersemster in Hamburg möglich. Ich gab Kiel, Hamburg und Bremen als Favoriten an...Ernüchternderweise landete ich auf Plätzen, die sich irgendwo im 5-stelligen Bereich befanden. Ich schlug mich mit Call-Centre-Jobs durch und hoffte auf eine Zusage der Uni. Irgendwann wurde mir klar, dass ich wohl kein Chance hatte. 

 

Dann überlegte ich mir, etwas mit Sprachen zu machen und bewarb mich bei einer Fremdsprachenschule und nahm an dem sehr teuren "Studiengang" Tourismus & Event teil, der sich als schulische Variante des Reisevekehrskaufmann entpuppte und dessen Niveau mich gänzlich unterfordete und enttäuschte. Ich hielt es nicht mehr aus und nahm an einem psychologischen Neigungstest in Verbindung mit Berufsberatung teil. Ja, etwas mit Sprachen sollte es dann wieder sein.

 

Also schaute ich an der Uni Kiel und fand einen interessanten Magister Studiengang: Phonetik & Digitale Sprachverarbeitung. 

 

Akademische Laufbahn

 

Studiert habe ich also dann zunächst Phonetik, Nordistik und ältere deutsche Literaturwissenschaft, was spannend war und mir sehr viel Spaß gemacht hat, aber leider keine besondere berufliche Perspektive bot - jedenfalls nicht die, die ich mir erhofft hatte. Wollte ich doch CSI spielen und anhand von Dialekten und Akzenten Mörder überführen...Das wollten aber neben mir noch ganz viele andere und es gab deutschlandweit nur eine Stelle. Diese Info kam bei einer Veranstaltung, als ich bereits im 3ten Semester war...Außerdem brauchte man dafür wohl starke Nerven, weil man sich unter Umständen auch Video- und Tonaufnahmen von Morden anschauen musste. Damals war der Fall von Rothenburg gerade aktuell und es ging um das Video, indem ein Mann einen anderen Mann teilweise lebendig verspeiste. Das hat mich jahrelang beschäftigt, da ich viel zu zartbesaitet bin. Das wäre also nichts für mich gewesen...

 

Nebenfach Informatik sollte helfen

 

Ich habe mich dann noch mit dem Nebenfach Informatik retten wollen, um in die Sprachsynthese zu wechseln, aber mein Kryptonit verhinderte, dass ich meine Superkräfte entfalten konnte: MATHE!!! Ich kam einfach nicht mit, als es um Cos(y)+Tan(z)-Wurzel(a) und Log10*x^23 = p ging...

 

Um meine Inkompetenz in dem Bereich noch deutlicher vor Augen geführt zu bekommen, musste ich in Seminaren sitzen, in denen alle anderen sogar die Formeln umbauen konnten und kluge Fragen dazu stellten wie: "Könnte man nicht statt Cos(y) auch TAN(bla)*blabla und Wurzel aus blablup schreiben?"...Ja, auf die Idee wäre ich im Leben nicht gekommen. Also keine Perspektive für mich und das, obwohl ich bereits programmieren konnte. Das hatte ich mir durch meine Weltenbastler-Motivation selbst beigebracht, weil ich eigene Programme schreiben wollte...

 

Wechsel nach Hamburg

der verflixte Bachelor

 

Ich wechselte dann schließlich, als die Uni Kiel verlautbaren ließ, dass mein Studiengang eingestellt wird, nach Hamburg, um Pädagogik und Psychologie zu studieren, da mir das Unterrichten Spaß machte und ich ursprünglich sowieso Psychotherapeut werden wollte. Ich wurde zunächst abgelehnt wegen des Nummerus Clausus und rückte dann in zweiter Welle nach. Leider war ich somit der erste Jahrgang, der Bachelor studieren und der noch 500 EUR Studiengebühren zahlen musste. 

 

An der Uni brach das Chaos aus, keiner wusste, wie was funktionieren sollte, STINE, das Anmeldeportal war voller Bugs und sorgte für Probleme, Dozenten vergaßen Studierende von Prüfungen abzumelden, die nie aufgetaucht waren, verbauten damit mir die Möglichkeit Prüfungen später zu machen etc. Es lief so viel schief, dass ich ein völlig chaotisches Studium vor mir sah, für das ich unglaublich viel Geld und Zeit aufbringen musste. Ich arbeitete neben dem Studium 25 std im Call-Centre und 9 Stunden an der VHS, um Kurse zu geben, konnte so meine Miete und Studiengebühren gerade so berappen.

 

Die Bachelor-Master-Umstellung und die Tatsache, dass ich einen Fachrichtungswechsel vollzogen hatte und somit kein Bafög mehr bekam, zwang mich extrem viel neben dem Studium zu arbeiten, obwohl das in dem unflexiblen System des Bachelors nicht vorgesehen war.

 

Da ich Psychologie nun im Nebenfach studierte und feststellte, dass ich das Fach wirklich gerne als Hauptfach hätte, versuchte ich auch noch in ein höheres Fachsemester zu wechseln. Ich hatte ja bereits an den gleichen Seminaren und Vorlesungen teilgenommen, die auch Hauptfächler besuchten, einziger Unterschied war die Menge und das Verbot an den Vertiefungsseminaren teilzunehmen. Mein Antrag wurde abgelehnt, da kein Platz frei wäre! Das war mir unverständlich, denn ich saß doch bereits in den Seminaren, welchen Unterschied machte es, wenn ich nun auf dem Papier offiziell Hauptfächler wäre? Bürokratie und damit meinen Traum verwehrt. Ich versuchte es in Kiel, mich in ein höheres Fachsemester zu bewerben: Ablehnung, da das Curriculum zu unterschiedlich sei. Das zum Thema der Bachelor kann in ganz Europa auf gleiche Weise studiert werden...es scheitert schon am Nachbarbundesland. Absurd! 

 

Das Studium selbst war ebenso ein Witz, da möglichst alles über Mutiple-Choice abgefragt wurde und in den Seminaren die Teilnehmer Referate hielten, was massenweise Einschläferungen zur Folge hatte. Am Ende musste man über deren referierte Themen dann auch noch eine Klausur schreiben und war auf deren Handouts angewiesen. Ich vermisste die anspruchsvollen Aufgaben, wie ich sie aus dem Abitur kannte. In klinischer Psycholigie hätte ich Aufgaben erwartet, die so klingen: "Sie sind Therapeut in der Klinik XY. Sie haben einen Termin mit Patient Bla. Er schildert folgende Probleme: ... Diagnostizieren Sie anhand des ICD-10, welche Störung vermutlich vorliegt und schlagen Sie eine geeignete Therapie vor. Beschreiben Sie diese und begründen anschließend Ihre Entscheidung." Ja, das wäre anspruchsvoll gewesen, da hätte man wirklich zeigen können, was man von der Thematik verstanden hat. Stattdessen wurden jedoch Mutiple-Choice-Fragen gestellt wie: "Welche der folgenden Symptome gehören nicht zur Depression?". Als Stolperfalle war das kleine Wort "nicht" eingebaut. Was hat das mit Studieren zu tun?

 

Irgendwann schloss die Firma, in der ich nebenbei flexibel arbeite, so dass ich in finanzielle Not geriet. Ich war also gezwungen, mein Studium aufzugeben und schied massiv enttäuscht, dass das neue System so wenig mit Studium zu tun hatte, aus dem akademischen Leben aus. Ich versuchte es mit Fernstudium, aber ohne Arbeit konnte ich leider nicht über die Runden kommen. Hartz 4 gab es nur, wenn man nicht den Status Student hat, was bei einem Fenrstudium leider der Fall war. Also musste ich auch das aufgeben, obwohl ich gestehen muss, das so ein Fernstudium mir auch nicht wirklich lag.

 

Trotzdem habe ich gerne studiert, denn ich habe die vielen interessanten Themen und auch die Methodik in mich aufgesogen und profitiere heute sehr davon, auch wenn ich keinen Abschluss vorweisen kann!